Das Wesen der Bäume

von Franca Bauer
, Das Wesen der Bäume

In den Ästen und Zweigen der Bäume liegen Wissen und Weisheit verborgen.

Auf dem Weg durch den Wald verstummen die Gespräche. Eine innere Sammlung ist spürbar, sowohl um uns herum als auch in uns. Wir halten inne - an einem natürlichen Versammlungsplatz. Steinalte Bäume markieren wie Torwächter den Eingang.

Dahinter strahlen die Bäume Würde und Mächtigkeit aus. Ein kleiner steiler Pfad führt am Rand zwischen bemoosten Steinen durch. Die Spannung steigt und die Energie verdichtet sich. Unser Augenmerk richtet sich auf die Hüterin des Platzes, eine hochbetagte Birke, die zum Verweilen einlädt. Ich empfinde die Präsenz einer uralten Weisheitsquelle.

 

Der Wind begrüßt uns mit einer frischen Brise, die Blätter rauschen und feine Muster von Licht und Schatten zeichnen sich ab. Mit wachen Sinnen lassen wir uns zu den markanten Stellen dieses Ortes treiben. Baumkreise, Baumfamilien, bizarre Steinformationen zeigen ihr Gesicht. Wir sind weit oben und haben einen Überblick über das Land und auch für uns selbst. Hier können wir die wesentlichen Dinge des Lebens betrachten, können uns verbunden fühlen mit der Natur und ihrer Kraft.

 

 

Bäume schaffen Atmosphären

Bäume prägen den Landschaftsraum, in dem sie wirken und gestalten ihn mit ihrer Kraft. Die Verbundenheit

mit ihnen zieht sich durch die gesamte Menschheitsentwicklung. Bäume sind Heimat, Nahrungsquelle und Heilmittel, Schutzraum und Versammlungsort für Rat, Gericht und Hochzeiten, Ort der Besinnung und Rückzug, Raum für kultische Handlungen und Zeremonien, für innere Einkehr und Kommunikation mit anderen Welten und Wesen. Sie sind Mittler zwischen Himmel und Erde, Lebensquelle und Lebensbewahrer. Unsere tiefe Beziehung kommt in mythologischen Überlieferungen, Legenden und Liedern zum Ausdruck.

 

Bäume - Häuptlinge im Pflanzenreich

Bäume sind langlebig – jedenfalls an unserer Lebenszeit gemessen. Wer kennt das nicht, unter einem uralten stattlichen Baum zu stehen, der schon ein paar hundert Jahre tief verwurzelt das Landschaftsbild prägt. Mich macht es immer ganz besonnen und ehrfürchtig. Fragen tauchen auf wie: Welche Geschichten und Erlebnisse mögen sich hier zugetragen haben? Welche Tiere haben diesen Baum aufgesucht, um dort Nahrung und Zuflucht zu finden? Welche Aufgabe übernimmt dieser uralte knorrige Baum in seinem Landschaftraum?

 

Empirische Baumheilkunde

In früheren Zeiten waren die Menschen durch ihre Lebensgestaltung der Natur und dem Jahresrhythmus tief verbunden. Durch ihre Abhängigkeit von der Ernte vor Ort war ihre Beobachtungsgabe geschult. Das Wesen der Bäume zu erkennen war für die Menschen selbstverständlich und Geisteskraft wurde in allem Lebendigen erkannt.

Wir profitieren aus diesen Fähigkeiten und dem Erfahrungswissen, das auch heute den Menschen der Naturvölker noch zueigen ist. So wurden von Mund zu Ohr Märchen, Mythen, Geschichten und Anwendungen aus der Volksheilkunde bis in die heutige Zeit weitergetragen. Heute wird eine Pflanze nach dem Wirkstoffgehalt geprüft und dann wird entschieden, ob sie in die Liste der Pflanzenmonographien aufgenommen wird.

 

 

 

Germanische Sagenmythologie

Bäume wurden in die jeweilige Kosmologie und Weltanschauung eines Volkes eingebunden. Der Norden, geprägt durch sein Landschaftsbild mit vielen undurchdringlichen Wäldern, hat alte Baumsitten und Gebräuche in seine Mythologie eingewoben.

In der Edda, der nordischen Mythologie, wird berichtet, daß die ersten Menschen aus dem Stamm einer Ulme Frau) und einer Esche (Mann) von den Brüdern Odin, Wili (auch Hönir) und We (Lodur) erweckt wurden. In der Weltenentstehung wird das Bild der Weltenesche Yggdrasil, dessen Zweige sich über alle neun Welten erstrecken und über den Himmel hinausragen, vermittelt. Im Baum sind die drei Welten Asgart (Götterwelt), Mitgart (Menschenwelt) und Utgart (Unterwelt) beheimatet.

 

Keltische Sagenmythologie

Bei den keltischen Druiden gab es den Oghamkreis, ein früh-irisches Baumalphabet, das in der Zeit von 600 v.Chr. bis ca. 700 n.Chr. in Gebrauch war und mündlich überliefert wurde. Der Baumkreis besteht aus 25 einheimischen Bäumen und Baumsträuchern, denen jeweils bestimmte Archetypen, Kräfte und Heilwirkung zugesprochen wurden. Der Oghamkreis wurde als Alphabet, zur Weissagung und für verschlüsselte Botschaften genutzt. Die Bäume sind im Jahreskreislauf einer bestimmten Zeit zugeordnet und dienen so als heiliger Kalender. Die Kelten haben die Bäume als Verkörperungen der geistigen Prinzipien ihrer Weltanschauung gesehen.

 

Die Signatur

In der traditionellen Medizin ist die Signaturenlehre ein wichtiges Kriterium zum Verständnis der Heilwirkungen von Pflanzen. Die „Signatur“ ist das Wesentliche oder Kennzeichnende jeglicher Erscheinungsform (lat. signum = Zeichen). Für den berühmten Arzt und Naturforscher Paracelsus von Hohenheim (1493 – 1541) bestand kein Zweifel, daß sich „in der Wesensgestalt eines Gegenstandes dessen innere, verborgene Kräfte zeigen“ und der Philosoph Jakob Böhme (1575 – 1624) sah in der Signaturenlehre „das Mittel zur Wesenserkennung der Dinge“.  Form und Gestalt sind demzufolge nichts Zufälliges, sondern Ausdruck eines bestimmten Prinzips, einer Kraft oder eines Wesens. Und Ähnlichkeiten verweisen daher immer auf Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Auf diesem Prinzip gründete schließlich auch Samuel Hahnemanns (1755 –1843) Homöopathie: „Ähnliches heilt Ähnliches“.

 

 

, Das Wesen der Bäume
Abbildung 10: Freistehende Bäume mit sog. a-Form.

Aus Fröhlich, Hans Joachim, Alte liebenswerte Bäume, Cornelia Ahlering Verlag, Hamburg 1989

 

Formgebende Kräfte

Aus den formgebenden Kräften der Bäume kann ihre Heilwirkungen abgeleitet werden. Die Genetik bestimmt, welche Formen bei bestimmten Bäumen möglich sind – die ästhetische Gesamterscheinung eines frei wachsenden Solitärbaums ist darin jedoch überhaupt nicht begründet. Aufbauend auf den Gesetzmäßigkeiten seiner Genetik könnte jeder Baum völlig wild in alle Richtungen wuchern. Dennoch gestaltet ihn eine unsichtbare Hand bei ungehindertem Wachstum so, daß er in seiner Gesamtform entweder die Form seines Blattes (Linde, Buche) oder seiner Frucht (Apfel, Birne) widerspiegelt. So stellt sich die Frage: Wer diszipliniert die einzelnen Zweige und teilt ihnen mit, wann sie ihr individuelles Wachstum einzustellen haben, um sich in die gemeinschaftliche Form zu fügen?

 

 

Schau in die Natur und du schaust in die Seele der Landschaft

 

Der Weißdorn – das Tor zur Anderswelt

Der Weißdorn ist ein Dornenstrauch aus der Familie der Rosengewächse. Er kann bis zu 12 Meter hoch werden, hat tiefreichende Wurzeln und liebt basische Kalkböden. Bis zu 500 Jahre und älter kann er werden. Im Spätfrühling leuchtet seine Kraft und überzieht den Strauch mit einer weiß-rosa Blütenpracht. Er ist ein Unterstützer der Vogelwelt – die Beeren bieten eine wunderbare Nahrungsquelle.

Früher wurden dichte Weißdornhecken als lebendiger Schutz gepflanzt – die Hecke hegt das offene Land schützend ein. Der alte Name Hage dorn (german. haga – Hecke) – hegen, schützen, pflegen, nähren, offenbart seine Bedeutung.

 

Mythologie

Das Oghamzeichen im altirischen-keltischen Baumkalender ist huathe. Altes Brauchtum besagt, dass die Zweige an der Tür vor unliebsamen Geistern schützen. Die Eingangstür ist der Wächter und die Grenze zwischen Außen-, und Innenräumen.

Hagazustra ist der alte Name für Hexe. Das ist die, die auf der Hecke sitzt und zwischen den Welten wandert und vermittelt. Zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen der domestizierten und der ungezähmten Natur, zwischen den sichtbaren und den unsichtbaren Welten. Das entspricht dem Weißdorn, dem Vermittler zwischen den Welten.

In Irland ist der Weißdorn ein heiliger Baum und vorchristliche Heiligtümer sind oft von geweihten Weißdornhecken umsäumt. Dort wird Ihm nachgesagt, dass der Sitz der Feen sich dort findet. An vielen heiligen Quellen steht er, geschmückt mit farbenfrohen Stoffbändern.

Der isländische Name des Weißdornes svefnthorn – Schlafdorn – spiegelt seine mytholgisch - mystische Bedeutung des Baumes wieder, die wir in Märchen und Mythen wiederfinden.

Odin benutzte einen Dorn von Weißdorn um  Brunhilde in einem magischen Schlaf zu versetzen. In dem Märchen Dornröschen wird die Prinzessin von einer Spindel (traditionell aus dem harten Holz des Weißdorn) gestochen und fällt in einen hundertjährigen Schlaf und erwacht in einem neuen Zeitalter. Der Weißdorn bietet Schutz für Reisen in die Feenreiche, in andere Welten und Dimensionen und unterstützt die Kommunikation mit ihnen.

 

Heilkunde – Herzenskraft stärken

Der Weißdorn unterstützt und stärkt das Herz in allen Phasen, reguliert den Blutdruck, die Herztätigkeit und stabilisiert den Herzrhythmus. Unsere germanischen und keltischen Vorfahren wussten schon von der kraftspendenden Nahrungsquelle und kochten aus den fleischigen, roten, mehlig – süßlich schmeckenden Beeren ein Mus.

Gesammelt werden die Blüten und Blätter zum Zeitpunkt der Vollblüte von April bis Mai zur Zeit des höchsten Wirkstoffgehaltes. Die vollreifen Beeren werden zwischen September und Oktober geerntet.

Die Natur ist ein wahrer Schatz an Wundern und Schönheit. Öffnen Sie Ihr Herz beim nächsten Waldspaziergang und genießen Sie ganz bewusst mit allen Sinnen. Schauen, lauschen, riechen Sie und spüren, wie Ihr Geist ruhig wird und Körper und Seele Kraft schöpfen.

 

 

Franca Bauer

Franca Bauer gehört zum Gründungsteam der Cairn Elen

Lebensschulen und unterrichtet seit 1997 Steinheilkunde,

Geomantie und traditionelle Heilweisen.

Überliefertes Wissen mit neuen Erkenntnissen aus der

Stein-, Baum- und Pflanzenheilkunde miteinander zu

verbinden ist ihr eine Herzensangelegenheit.

Auf Ihren geomantisch-mythologischen Reisen in Irland,

Bretagne und Vogesen vermittel sie einen Zugang zur

Schönheit und Geistigkeit der Kraftquelle Natur.

FrancaBauer@Cairn-Elen.de

www.franca-bauer.de

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